Verbindlichkeit und was das Thema mit unserer Gesundheit zu tun hat
Es scheint ein Phänomen unserer Zeit zu sein. Termine werden vereinbart, verschoben, wieder abgesagt. Abmachungen werden nicht eingehalten oder am liebsten im Voraus offen gelassen.
Niemand scheint sich mehr verbindlich auf etwas einlassen zu wollen.
Wieso Verbindlichkeit kein Widerspruch dazu ist, sich immer wieder neu zu entscheiden
Ich kenne Unverbindlichkeit von mir selber. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, verbindlich sein bedeutet, weniger frei zu sein. Inzwischen habe ich erkannt, dass Freiheit wenig mit äusseren Umständen zu tun hat, sondern vielmehr mit einer inneren Haltung und deshalb kein Widerspruch zu verbindlichen Abmachungen sein muss.
An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass es der Begriff Verbindlichkeit nicht ganz auf den Punkt bringt, worum es mir eigentlich geht.
Der englische Begriff commitment trifft es passender. Commitment kann je nach Kontext mit Engagement, Verbindlichkeit, Einsatz oder Hingabe übersetzt werden. Es bedeutet die Bereitschaft, sich für etwas einzusetzen, auf etwas einzulassen und dazu zu stehen.
Verbindlichkeit oder commitment bedeutet für mich nicht, dass ich nicht immer wieder von Neuem entscheiden darf, ob der Weg den ich gehe, für mich noch stimmt oder ob ich zu den Beziehungen, die ich pflege noch immer ein Ja habe. Es bedeutet für mich auch nicht, dass ich nicht dem Impuls folgen darf, einen Tag in den Bergen zu verbringen, statt mich an meinen Schreibtisch zu setzen.
Commitment bedeutet für mich aber, dass ich die Impulse, die ich habe, genau überprüfe. Dass ich hinschaue, woher sie kommen, bevor ich eine Entscheidung treffe, einen Termin absage, ein Treffen verschiebe.
Kommt ein Impuls aus dem Bauch oder aus dem Kopf, aus der Liebe zu mir und meinen Bedürfnissen oder aus der Angst, etwas anderes zu verpassen, jemandem nicht gerecht zu werden, etc.?
Ist es eine innere Stimme, welche ein geplantes Projekt wieder absagen möchte oder ist es Unklarheit oder die Unfähigkeit, mich auf etwas einzulassen?
Ist es jetzt gerade wichtig, dass ich meinem Impuls folge oder ist es einfach eine Laune, weil ich nicht klar, nicht bei mir bin?
Commitment heisst für mich auch, dass ich gut hinein spüre, wenn ich Abmachungen vereinbare und mir darüber bewusst bin, dass sich andere Menschen auf mein Wort verlassen. Es bedeutet, dass ich ehrlich hinterfrage, was die Änderung meiner Pläne für mein Gegenüber für Auswirkungen hat. Commitment bedeutet für mich radikale Ehrlichkeit – mir selber und anderen gegenüber. Es bedeutet, dass ich jederzeit transparent mitteile, wo ich gerade in einer Beziehung oder einem Projekt stehe und wieso ich eine Abmachung nicht einhalten kann.
Dies schafft Vertrauen und das wiederum ist eine Voraussetzung für gesunde Beziehungen.
Sowohl romantische, freundschaftliche, geschätftliche, als auch die Beziehung zwischen Therapeutin und Klientin.
Verbindlichkeit im therapeutischen Kontext
Neben dem Vertrauen in der Beziehung gibt es aber noch weitere Gründe, weshalb mir gerade im therapeutischen Kontext Commitment wichtig ist.
Natürlich wünsche ich mir als Naturheilpraktikerin und als selbständige Geschäftsfrau eine gewisse Verbindlichkeit von meinen Klient*innen. Das hilft mir enorm in der Planung meiner Termine und gibt mir Stabilität und Sicherheit, was meine Finanzen angeht.
Vor allem aber ist commitment hilfreich, wenn nicht sogar die Voraussetzung dafür, dass eine Therapie Früchte tragen kann.
Eine naturheilkundliche Therapie braucht Zeit. Heilmittel sollten regelmässig eingenommen werden, Behandlungen wie Schröpfen oder Fussreflexzonenmassage benötigen eine gewisse Kontinuität, damit eine langfristige Wirkung spürbar ist und Veränderungen in der Ernährung sollten umgesetzt werden.
Als Therapeutin erarbeite ich einen Therapieplan und möchte gerne die Heilmittel alle 2-3 Monate anpassen. Nicht aus einer Laune heraus oder weil ich möglichst viele Sitzungen verkaufen möchte, sondern weil einige pflanzliche Mittel nach einer gewissen Zeit verändert werden müssen, damit der Organismus wieder adäquat darauf reagieren kann und sich keine Gewöhnung einstellt. Und weil das der Kern der traditionelle europäische Naturheilkunde ist, dass die Mittel immer wieder der jeweiligen Situation angepasst werden.
Werden Termine immer wieder nach hinten geschoben, so gibt es zu grosse Lücken zwischen den einzelnen Sitzungen und der Therapieerfolg stagniert häufig. Dies ist sowohl für Klientinnen als auch für mich als Therapeutin frustrierend.
Was commitment mit Selbstliebe zu tun hat
Zu Beginn meiner therapeutischen Tätigkeit habe ich jedes Mal an mir selbst gezweifelt, wenn eine Klientin nach 2-3 Sitzungen nicht mehr gekommen ist oder die Abstände zwischen den einzelnen Sitzungen sich in die Länge gezogen haben.
Inzwischen nehme ich das nicht mehr persönlich. Manchmal passt es einfach nicht zwischen Therapeutin und Klientin.
In den meisten Fällen aber geht es um etwas anderes – so meine Wahrnehmung.
Vielen Menschen fehlt es an einem klaren commitment sich selbst und ihrer eigenen Gesundheit gegenüber. Commitment hat in diesem Zusammenhang mit Selbstfürsorge und Selbstliebe zu tun.
Das verbindliche Einhalten der Termine ist ein Ja zu Zeit für sich, ein Ja für die eigene Gesundheit. Es bedeutet eine Stunde in der Woche oder im Monat, hinzuschauen und nicht wegzuschauen. Eine Stunde, in der die Symptome und Ungereimtheiten im Leben benannt, statt einfach hingenommen werden.
Eine Stunde, in der die Therapeutin oder Prozessbegleiterin zuhört und den Raum hält.
Und in diesem Raum - in diesem Ja - kann Heilung geschehen.
Ich wünsche mir wieder mehr Klarheit und Verbindlichkeit, Hingabe und Engagement. Uns selbst und anderen gegenüber. Für meine Praxis aber auch für uns alle. Weil ich glaube, dass darin ganz viel Potenzial für Wachstum liegt. Und weil wir uns dadurch gegenseitig wieder vermehrt vermitteln, dass wir uns aufeinander verlassen können.

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